14. August 2008

Conquest of Mythodea oder Extrem-Babysitting

Read this post in English

Aufregend, anders, anstrengend... so könnte man die vergangene Woche zusammenfassen.

Am Samstag früh (02. August) brach ich mit vollgepacktem Auto auf in Richtung Kaiserslautern zu meiner Schwester. Wir trafen uns vor der bekannten Basis dort in der Gegend und versuchten zunächst vergeblich, zwei gigantische Pizzas American Style zu vernichten - lecker aber tödlich scharf - und gaben nach gerade mal der Hälfte entmutigt auf. Die Reste sollten uns das weitere Wochenende verpflegen.

Anschließend ging es "nach Hause", wir packten, räumten, suchten, nähten und sangen. Zwischendurch wurde der benötigte Anhänger abgeholt, wir kauften eine Wii für meine klitzekleine Wenigkeit (dazu demnächst mehr) und hatten unseren Spaß beim Ausprobieren, wir fuhren nach Koblenz zum Fundus-Lager und kauften die letzten Zutaten für das Con (von "Convention", Zusammenkunft, sprich die Veranstaltung "Conquest of Mythodea") ein.

Am Dienstag schließlich war es soweit: früh um 7 ging es los, zunächst wieder zum Zwischenstopp Fundus-Lager. Dort wurden die letzten Taschen umgeräumt, die Grillkohle noch in den Anhänger verladen und planmäßig um 9 nahmen wir Kurs auf unser eigentliches Ziel: das Rittergut Brokeloh bei Hannover. Die kommenden 7 Stunden bestanden aus Baby bespaßen, Baby füttern, neue Spielsachen fürs Baby suchen, Baby wickeln, versuchen das Baby durch Singen dazu zu bringen, dass er endlich aufhört zu schreien (klar, auf 7 Stunden Fahrt wird einem garantiert irgendwann langweilig, wenn ich nicht ach so gut erzogen wäre würde ich da vermutlich auch schreien) und gefühlten 10 Pausen, um uns um das Baby zu kümmern. (Das "Baby" ist übrigens mein süüüüßer kleiner Schreihals von Neffe, gerade 16 Monate alt geworden.) Gegen 16:30 Uhr waren wir dann endlich da, konnten reibungslos und völlig ohne Wartezeiten (man hört da ja z.T. Horrorgeschichten von anderen Groß-Cons) einchecken, ausladen und aufbauen. War zwar eine gewaltige Schlepperei, aber eigentlich auch ganz angenehm sich nach so langer Zeit im Auto gleich ein wenig bewegen zu können. Gegen 22 Uhr stand dann alles halbwegs, inkl. des 8-Meter-Zeltes.

Von der eigentlichen Veranstaltung - eine von drei großen LARP-Veranstaltungen in Deutschland und nach eigenen Aussagen die größte Europas - bekam ich relativ wenig mit. Ich selbst bin kein LARPer, sondern war eigentlich tatsächlich nur zum Babysitten dabei, deshalb störte mich das im Grunde nicht; nur für meine Schwester tut es mir leid, der ihr Sohn keine Gelegenheit gab, aktiv ins Geschehen einzugreifen oder überhaupt einmal mehr als 5 Minuten am Stück zu spielen. Immerhin hatten wir einen Zeltplatz am Rand unseres Lagers und konnten die Schlachten auf dem Feld direkt vor uns gut verfolgen - fast wie fernsehen. ;-)

Es folgen einige Momentaufnahmen, die mir im Gedächtnis geblieben sind...

Eine Gruppe Krieger, die einer belagerten Festung zu Hilfe kommen wollten, stürmten auf die (haushoch überlegenen) Belagerer zu, nur um kurz vor den feindlichen Reihen auf dem Absatz kehrt zu machen und wieder davonzurennen. Anschließend brüllte der Anführer in Richtung der Festungsmauer: "Das war die Ablenkung - jetzt seid ihr dran!"

Während einer der nächtlichen großen Schlachten, von der unser Kleiner gottseidank nicht geweckt wurde, wegen der ich aber schlaflos im Bett lag, konnte man mitverfolgen, wie ein Anführer der feindlichen Heerscharen in ein benachbartes Lager eindrang. Nun folgten mehrere Minuten lang Schreie der Verteidiger, "Alaaarm! Eindringling! Zu den Waffen!" usw., während der Heerführer (der eine wirklich passende Stimme für die Rolle hatte und noch dazu gut verständlich war, Respekt) scheinbar im Vorfeld des Lagers seinen Unmut auslebte und verlangte, sein Banner zurückzuerhalten, das offenbar erobert worden war. Mit weit tragender Stimme brüllte er immer wieder, "Wo ist mein Banner? Wenn euch euer Leben lieb ist, gebt mir mein Banner! Sagt eurem jämmerlichen Anführer, ich will mein Banner!" Irgendwann riß ihm der Geduldsfaden und nach erneuten ergebnislosen "Alaaaarm"-Rufen schrie er zurück "Alarm, Alarm - ich will jetzt mein Banner!" - Ich hätte mich kugeln können vor Lachen.

Eines der schönsten Erlebnisse hatte ich, ironischerweise, als ich nachts einmal die Dixies besuchte. Dazu mussten wir das komplette Feld überqueren, was ca. 5 Min. Fußmarsch bedeutete (die Lager waren in den Ecken des riesigen Feldes verteilt, die Mitte war frei.) Es muss 3 oder 4 Uhr nachts gewesen sein. Vereinzelt brannten noch Feuer in den Lagern, vom etwas weiter entfernten Lager der "Stadt" hörte man noch ein wenig Singen und Lachen, und allgemein war es menschenleer, sehr dunkel und kalt. Ich hatte zwar meine Taschenlampe dabei, aber nicht eingeschaltet, weil ich die Spieler nicht durch einen solchen Outtime-Gegenstand (also etwas, was nicht in die Fantasy-Welt passt) stören wollte. Und dann sah ich zum Himmel hoch - und hätte mich am liebsten auf der Stelle ins kalte, nasse Gras gelegt und nie mehr weggeschaut. Der Himmel war vollkommen wolkenlos, und ich habe noch nie in meinem Leben einen schöneren Nachthimmel gesehen. Zum ersten Mal SAH ich die Milchstraße wirklich - normalerweise, selbst auf einem Dorf in der Gegend von Nürnberg, war es eher ein "Naja, dort ist es ein klein wenig heller am Himmel, das könnte sie vielleicht sein" - hier konnte man sie gar nicht übersehen, es war so deutlich. Dazu noch Tausende anderer Sterne, so viele dass man kaum die bekannten Sternbilder dazwischen sah, viel mehr als ich sonst je gesehen habe. Einfach wunder-wunderschön.

Und dann war da natürlich noch unser kleiner Matz (der ja eigentlich gar nicht mein Matz ist, sondern von meiner Schwester, aber ich will nicht immer "Mein Neffe" schreiben, das klingt auf Dauer doch irgendwie steif ^^), der in dieser Woche so viel erlebt hat... Mittagsschlaf, warm eingepackt in Decken und auf Fellen... viele Menschen, die sich mit ihm beschäftigen, und auch ganz oft Fremde, die einfach mal stehenblieben, um mit dem Kleinen zu sprechen oder ihm zuzuwinken... das "Aru" (was auch immer das war *g*), das mit ihm schmuste und ihn vermutlich noch mehr verwirrt hat als uns... seine Tante (also ich *g*), die ihn ab und zu mit Aikido-Rollen zum Lachen brachte - irgend etwas daran muss also noch sehr lustig aussehen! =)

Am Sonntag dann schließlich wurden wir um 4 Uhr zum ersten Mal von meinem Neffen geweckt, der im Bett stand und meinte, es sei jetzt Zeit aufzustehen. Wir schliefen aber trotzdem noch ein, zwei Stunden länger. Dann wurde alles wieder abgebaut, zusammengepackt und wieder in den Anhänger verladen, gegen 18 Uhr waren wir beim Lager in Koblenz, luden die Fracht wieder aus und räumten sie auf, und dann fuhr ich direkt von dort weiter nach Fürth, wo ich gegen 23 Uhr ankam und gegen 1 Uhr schließlich eeendlich im Bett lag, um dann um 6 Uhr wieder aufzustehen und in die Arbeit zu gehen. Uffz.

Auch wenn wir nicht oft unseren Zeltplatz verließen und nicht am Spiel teilnahmen, war es für mich Nicht-LARPer auf jeden Fall eine tolle Erfahrung, und trotz der anstrengenden Umstände war es sehr schön, eine ganze Woche zusammen mit meiner Schwester und ihrer Familie zu verbringen.

Keine Kommentare: